Aus dem System Tanja: „Ich chume graaaad“
Über den inneren Antreiber, der nie fertig wird
Es ist Samstagnachmittag. Und ich tue etwas, das ich seit gefühlt 30 Jahren nicht mehr tun will: Ich arbeite.
Ich sitze da, habe „nur noch schnell“ meine Website für die Rauhnächte optimieren wollen. Vor einer Stunde habe ich meinen Mädchen gesagt, dass wir um 18.00 Uhr losgehen. Ins Loft spazieren. Dort Znacht essen.
18.01 Uhr. Von unten ruft eine Stimme: „Mama, wir sind paraaaat!“
Ich antworte: „Ich chume graaaad!“
18.03 Uhr: „Mamaaaa!“
„Ja, ich muss nur noch schnell…“
42 Minuten, die nicht hätten sein müssen
Die Konversation dauert an. Bis 18.42 Uhr.
42 Minuten Verspätung. Die nicht sein müssten. Die ich aber doch in Kauf nehme.
Nicht, weil mir meine Kinder nicht wichtig wären. Es ist etwas anderes, und genau darüber schreibe ich hier.
Das Verrückte an diesen 42 Minuten ist, dass ich jedes einzelne „gleich“ ernst gemeint habe. Ich habe nicht gelogen. Ich war jedes Mal überzeugt, dass es jetzt wirklich nur noch zwei Minuten sind. Und dann ist da noch eine Sache. Und noch eine. Und die eine, die man ja jetzt gerade auch grad noch machen könnte, weil man schon dran ist.
Ich musste mir zuliebe erst den einen Tab schliessen, bevor ich zum nächsten über gehe. Sonst hätte ich mich nicht wirklich auf den Abend einlassen können.
Mein System wäre nicht heruntergefahren.
Ein Teil von mir hätte mit den Füssen gewippt beim Nachtessen und nervös mit den Fingern auf den Tisch getippt, bis er endlich wieder vor den Bildschirm hätte sitzen und seine Arbeit fertig machen können.
Wer so tickt, kennt das. Die Liste wird nicht kürzer, während man sie abarbeitet.
Sie wächst mit.
Und hei, rate dreimal, was für ein Tag heute ist, während ich dir diesen Blogpost schreibe. Genau. Es ist Samstag. Zeit, um frei zu machen. Zeit, um zu entspannen.
Im System Tanja gibt es aber immer etwas zu tun. Es gibt fast nie Pausen.
Der innere Antreiber hält die Maschine am Laufen
Mein intensiver Begleiter dieses Jahr ist ein Anteil in mir, den ich schon lange kenne: mein innerer Antreiber.
Er tut und tut und tut. Er ist ein alter Begleiter. Wir kennen uns schon lange. Und zum Glück durfte er schon ganz viel Ruhe finden.
Aber er hält auch die Maschine „Tanja" am Laufen.
Von aussen sieht er aus wie Disziplin. Wie jemand, der einfach viel schafft. Der unglaublich erfolgreich ist.
Von innen fühlt er sich ganz anders an. Er ist nicht begeistert. Er ist wachsam. Er scannt permanent, was noch offen ist, was noch besser sein könnte, was jemand bemerken würde, wenn ich es nicht mache.
Und er hört nicht auf, wenn die Arbeit fertig ist. Bis vor einigen Jahren hat er erst aufgehört, wenn der Körper nicht mehr kann.
Schon viele Gespräche hatte ich mit ihm. Schon vieles hat sich verändert. Aber in den letzten Wochen hat sich unsere Beziehung intensiviert. Sind Themen an die Oberfläche gekommen, denen ich nicht mehr entweichen kann.
Warum ich gelernt habe, dass Leistung Aufmerksamkeit bringt
Seit ich denken kann, musste ich ganz viel tun, um Aufmerksamkeit zu erhalten.
Es hat nicht ausgereicht, einfach „nur“ Tanja zu sein. Einfach nur hier zu sein und geliebt zu werden habe ich nie erfahren.
Meine Eltern waren so sehr mit sich beschäftigt, dass ich wohl so etwas wie ein nebensächliches Etwas war. Ich habe früh gelernt, dass ich etwas leisten muss, damit ich überhaupt in ihrer Realität vorkomme, sie mir Beachtung schenken.
Ein Kind entscheidet sich nicht dafür. Ein Kind findet einen Weg. Wenn Dasein nicht reicht, um gesehen zu werden, dann probiert es etwas anderes aus. Es ändert sein Verhalten. Es tut alles um Aufmerksamkeit zu bekommen, weil es zu wenig davon hat. Ein Defizit.
Und was funktioniert, macht es wieder.
Nicht aus Berechnung, sondern weil ein kleines Nervensystem sehr genau merkt, was Verbindung bringt und was nicht.
Bei mir hat Leistung funktioniert. Also habe ich geleistet.
Als ich dann in meine Ausbildung kam, habe ich die Arbeit entdeckt.
Und da war, wie wir Schweizer so schön sagen, der Kessel geflickt. Ich stand eine Stunde vor allen anderen im Labor, und in meinem vierten Lehrjahr habe ich Umsätze erarbeitet, die „normal“ ausgelernte Zahntechniker machen. Ich habe Überstunden geschoben, die ich gar nicht hätte machen dürfen.
Ich wurde gut. Nicht, weil ich den Beruf liebte, sondern weil mein Ehrgeiz mich getrieben hat.
Und plötzlich war da etwas, das ich zuhause nie bekommen hatte. Leute schauten hin. Sie sagten etwas.
So wurde ich immer besser. Habe in dieser Branche fast schon übermenschliches geleistet. Meisterausbildung. Mandate an verschiedenen Universitäten, Präsidentin des Arbeitnehmerverbandes, Kurse an Berufsschulen und Meisterschulen, national und international unterwegs für ein Unternehmen und zum Schluss, die Leitung von einem zahntechnischen Labor übernommen.
Leistung macht dich nicht sichtbarer
Es ging so weiter. Alles habe ich über Leistung aufgebaut — bis ich erkannte, dass das alles nicht funktioniert.
Dass, ganz egal was ich tue, irgendwann immer der grosse Hammer kam. Das hat sich in so vielem gespiegelt: Chefs, die mich ausnutzten. Ich war chronisch unterbezahlt. Auch wenn ich mich gefühlt zu Tode arbeitete.
Der Haken an der Währung “gesehen werden” ist nämlich, dass sie sich nicht sparen lässt. Die Anerkennung, die du für eine Leistung bekommst, gilt der Leistung. Nicht dir. Sie ist am nächsten Morgen aufgebraucht, und du fängst wieder bei null an.
Deshalb wird man nie satt. Man wird nur schneller. Besser. Höher. Weiter.
Es ging um ANERKENNUNG.
Um LIEBE.
Darum, jemand ZU SEIN.
Ich wollte aus der Bedeutungslosigkeit heraustreten.
Nur: Ständig für die anderen zu ackern macht dich nicht sichtbarer, liebenswerter und wertvoller für dich. Es ändert nichts an der Beziehung, die du zu dir hast.
Und das ist der Punkt, an dem viele hängen bleiben. Man erhöht die Dosis. Man arbeitet noch mehr, macht es noch besser, kümmert sich um noch mehr Menschen. Und wundert sich, warum es innen gleich leer bleibt.
Der Wendepunkt kam mit einem kleinen Menschen
Als ich Mutter wurde, wurde zum ersten Mal dieser Antreiber aufgebrochen. Er wurde zum ersten Mal in seiner Existenz hinterfragt.
Da war ein kleiner Mensch, der, egal was ich leistete, einfach nur da war. Ein Mensch, der auch für mich nichts tun musste. Das, was zählte, war nur eines: unsere Beziehung zueinander.
Ein Baby interessiert sich nicht für deine Umsätze. Es merkt, ob du da bist. Ob dein Gesicht sich verändert, wenn es dich anschaut. Ob deine Stimme weicher wird. Mehr Bewertung findet nicht statt.
Für ein System, das dreissig Jahre lang gelernt hat, dass Zuwendung verdient werden muss, ist das eine völlig neue Information. Und sie kommt nicht über den Kopf. Sie kommt über die Erfahrung, jeden Tag, immer wieder, bis der Körper anfängt, sie zu glauben.
DAS war mein Wendepunkt. Etwas begann in den Fokus zu rücken, was bis anhin nie gefragt war: In Beziehung sein.
Und genau das machte etwas mit diesem Antreiber. Er konnte nicht mehr so weitermachen wie bisher. Ich wusste, ich müsste etwas angehen. Ich wusste, ich musste etwas ändern.
Und so begann ich herauszufinden, WARUM ein Teil von mir so viel tun muss. WARUM ich ständig wie ein Duracell-Hase durch die Gegend renne.
Sich selbst nicht im Spiegel anschauen können
Letzten Donnerstag hatte ich im feinen Dialog so einen wunderbaren Gast bei mir. Eine Frau, die mir erzählte, sie könne sich selbst nicht im Spiegel betrachten.
Oh wie gut ich das Thema kenne. Sich nicht anschauen wollen. Sich selbst nicht in die Augen schauen wollen. Weil man erkennen könnte, was tief in einem steckt.
Und ich rede hier nicht davon, sich hässlich zu finden. Das ist etwas anderes. Ich rede von diesen zwei Sekunden, in denen du dir wirklich in die Augen schaust und plötzlich niemanden findest, den du kennst. Du siehst die Frau, die alles hinbekommt. Und du weisst, dass die irgendwie nicht korrespondiert mit dem Gefühl in dir.
Also schaust du weg. Machst weiter. Räumst noch schnell etwas auf.
Das Wegschauen ist keine Schwäche. Es ist Schutz. Dein System hat gemerkt, dass da etwas liegt, für das gerade keine Kraft da ist, und macht die Tür wieder zu. Das ist nicht dumm. Das ist eine sehr schlaue Überlebensstrategie. Sie macht dich nur leider nicht zu einem glücklichen, entspannten Menschen.
Die Lücke zwischen innen und aussen
Weisst du, das Problem ist diese eine Lücke.
Die Lücke, die entsteht, wenn wir uns in Überlebensstrategien verloren haben. Dann fühlt sich nämlich das, was in uns ist, ganz anders an als das, was wir nach aussen tragen.
Je grösser diese Lücke, desto grösser der emotionale Stress.
Und das ist keine Metapher. Zwei Versionen von dir gleichzeitig am Laufen zu halten, kostet echte Energie. Die eine, die innen ist. Und die andere, die funktioniert, freundlich bleibt, liefert, das Ding noch schnell fertig macht. Jede Begegnung wird zu einer kleinen Übersetzungsarbeit. Was ist gerade wirklich, und was zeige ich davon.
Genau daher kommt ein grosser Teil der Erschöpfung, über die so viele Frauen sprechen. Sie kommt oft nicht von der Arbeit.
Es sind nicht die Kinder.
Es ist nicht der Partner.
Die Erschöpfung kommt vom Abstand zwischen dem, was du bist, und dem, was du glaubst, darstellen zu müssen, damit du in deiner Rolle als Mutter, Angestellte, Partnerin… richtig bist.
Und je länger das läuft, desto weiter geht die Lücke auf. Denn die Aussenseite wird ja belohnt. Sie bekommt Aufträge, Lob, Verantwortung.
Die Innenseite bekommt nichts, weil sie niemand kennt. Irgendwann kennst du sie selbst nicht mehr.
Das Innen wird zum grossen Geheimnis.
Niemand darf den Schmerz erkennen.
Niemand darf wissen, wie weit du von dir entfernt bist.
Und niemand soll helfen, dich wieder zu finden. Weil du gelernt hast, alles alleine zu regeln.
Dann sitzt du an einem Samstagnachmittag am Computer, während unten deine Kinder warten, und kannst nicht aufhören.
Nicht weil die Website so wichtig wäre.
Sondern weil Aufhören bedeuten würde, mit der Innenseite allein im Zimmer zu sein.
Diese Lücke ist übrigens einmal notwendig gewesen. Sie ist nicht dein Fehler. Sie ist entstanden, weil das, was innen war, damals nicht erwünscht oder nicht sicher war. Also hast du eine Aussenseite gebaut, die durchkommt. Das war klug. Es ist nur heute teuer geworden.
Was ich daraus gelernt habe
Weisst du, was mein grösstes Learning ist, aus dieser ganzen Geschichte?
Viel zu tun kann uns aus dem Wichtigsten, was es gibt, heraushebeln: aus Beziehungen.
Und wer Beziehung wirklich lernen und aufbauen will, egal, ob zu sich selbst oder zu anderen, muss eines verstehen: Dafür gibt es herzlich wenig zu tun.
Dort gibt es viel weniger zu leisten, als man denkt, und viel mehr einfach verbunden zu sein.
Das ist unbequem, wenn man ein Leben lang über das Tun weiter gekommen ist. Denn der Antreiber will sofort wissen, wie man das jetzt macht. Er will eine Übung, einen Plan, ein Ziel. Und genau das gibt es hier nicht.
Und vielleicht ist die Frage in dir auch schon aufgeploppt, während du diesen Text hier liest: “Ja, was muss ich denn jetzt genau TUN, um diese Lücke zu schliessen? Verrät sie das auch noch?”
Was in echten Begegnungen passiert, sind kleine Momente, in denen du nichts lieferst und trotzdem bleibst.
Zwei Minuten am Küchentisch, ohne das Handy umzudrehen.
Ein Satz, den du sagst, ohne ihn vorher schön zu machen.
Einmal um 18.00 Uhr aufstehen, obwohl der Tab noch nicht geschlossen ist. Und das aushalten.
Für ein Nervensystem, das gelernt hat, dass nur Dasein zu wenig ist, sind das keine Kleinigkeiten. Das sind neue Informationen. Und es braucht viele davon.
Ich bin da noch lange nicht am Ende. Aber ich bin an einem Punkt, an dem ich es merke, während es passiert. Und ich habe den Mut, darüber zu schreiben.
Um 18.42 Uhr sind meine Mädchen und ich dann losgegangen. Und wir haben über offene Tabs, Antreiber und die grosse Todoliste gesprochen. Und darüber, wie frustrierend es ist, wenn man auf die Mutter warten muss.
Wir haben dem Frust Raum gegeben. Wir haben alle Facetten erforscht, während wir ins Loft spaziert sind. Wir haben Gefühle da sein lassen. Und dann haben wir zusammen gekocht. Gelacht. Und ein feines Znacht gegessen.
Und es war ein schöner Abend.
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